So klappt New Work auch im Handwerk

So klappt New Work auch im Handwerk

Handwerksbetriebe winken beim Thema New Work oft ab. Alles schön und gut, aber nichts fürs Handwerk, sagen sie – Schnickschnack für Dienstleister, ein klarer Fall für experimentierfreudige Start-ups. Wir sind überzeugt: Vielen ist gar nicht klar, was hinter New Work steckt und was es kann. Dabei lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen des neuen Arbeitskonzeptes, das eigentlich gar keines ist. New Work scheint überall zu sein.

Was ist New Work?

Wir alle kennen die Bilder im Zusammenhang mit New Work: coole Büromöbel, bepflanzte Wände, Chillout-Zonen und frisches Obst vom Biobauern. All das ist zu kurz gegriffen. New Work leistet weitaus mehr. New Work ist eine Neuausrichtung in Arbeitskultur und Unternehmensorganisation. Mit dem Ziel, effizienter zu sein und den Menschen – weg von einem konservativen Command-and-Control-Modus – ein sinnstiftendes und partizipatives Arbeitsumfeld zu ermöglichen.

Der konventionelle Arbeitsalltag bricht immer mehr auf. Die Bedeutung von New Work reicht von einem neuen Wirgefühl in Unternehmen über modern gestaltete Arbeitsplätze bis hin zur Automatisierung von Arbeitsbereichen. Chefs werden zu Coaches, Angestellte zu Mitgestaltern. Bedingt unter anderem auch durch den Wunsch, selbstbestimmt, effizient und im Einklang mit dem Privatleben zu arbeiten. New Work greift grundlegend in die Arbeitsstrukturen der Unternehmen ein, markiert ein neues Verständnis von Teamwork, ermöglicht ein Arbeiten auf Augenhöhe und stellt eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten in den Fokus. In vielen Berufen ist auch ortsunabhängiges Arbeiten ein großes Thema. Möglich wird New Work erst durch die schier unendlichen digitalen Möglichkeiten.

Flexible Arbeitszeiten – wie geht das im Handwerk?

Eines der heißesten Themen, wenn es um New Work geht, ist die Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Arbeiten von 8.00 bis 17.00 Uhr wird von vielen nicht mehr als zeitgemäß empfunden. Der eine will früher anfangen, der andere früher aufhören. Teilzeitmodelle, Vertrauensarbeitszeit, Stundenreduzierung, Gleitzeit und Lebensarbeitszeitkonten setzen sich immer mehr durch. Kinder müssen aus der Kita geholt, ältere Angehörige gepflegt werden. Work-Life-Balance ist kein abstrakter Begriff von Faulenzer-Mentalitäten, die die Arbeit scheuen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. 

Auch das Handwerk braucht Lösungen, um Arbeitszeiten nach persönlichen und betrieblichen Erfordernissen optimal zu organisieren. Wer in puncto Arbeitgeberattraktivität mithalten will, muss sich den Wünschen der Mitarbeiter stellen.

Was können Handwerksbetriebe tun? Der erste Schritt beginnt im Kopf. Je offener sie für neue Arbeitszeitmodelle sind, desto besser. Reorganisation der Arbeitszeiten bedeutet Zeitaufwand und erfordert ein hohes Maß an Flexibilität. Doch es lohnt sich, Konzepte, wie beispielsweise Teilzeitmodelle, fest in der DNA des Unternehmens zu verankern, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Dabei bedeutet Teilzeit längst nicht mehr nur „halbtags“. Neue Möglichkeiten, Mitarbeitern 70- oder 85%-Verträge anzubieten, um ihnen mehr Handlungsspielraum zu geben, könnten sich auszahlen. Auch Jobsharing funktioniert im Handwerk. Ein großes Hemmnis für flexiblere Arbeitszeitmodelle stellt für viele Handwerksunternehmen die Schichtarbeit dar. Hier kommen Betriebe nicht drum herum, mehr Mitarbeiter einzustellen, um die Schichten optimal abzudecken. Gerade im Schichtbetrieb, wo die Krankheitsraten hoch sind, sollten Betriebe dringend ansetzen.

Flexible Arbeitsorte – Kommunizieren von überall

Die Digitalisierung macht ein Arbeiten von überall möglich. Von zu Hause, im Zug, vom Café aus oder während man daheim auf der Couch sitzt. Home-Office – ein großes Thema für all diejenigen, die freiere Vorstellungen vom Arbeiten haben, Kinder betreuen müssen oder bei denen es schlichtweg egal ist, von wo aus sie arbeiten. Im Handwerk ist die Flexibilität des Arbeitsortes nicht ganz so einfach zu handeln. „Es bringt nichts, wenn der Schreiner auf den Malediven weilt und sein Kunde in Krefeld sitzt.“ Ein Argument aus Handwerkersicht, das stimmt. Allerdings nur dann, wenn es um das operative Geschäft des Schreiners, Malers oder Friseurs geht. In administrativen Bereichen, bei Projekt- und Bauleitungen oder im Innendienst sieht es da schon ganz anders aus. Auch im Handwerk verschieben sich die Arbeitsorte und gewinnt mobiles Arbeiten an Bedeutung.

Ein Beispiel: Der Chef eines mittelständischen Bauunternehmens befindet sich auf einer Messe in Übersee. In der Zwischenzeit gibt es auf einigen Baustellen wichtige Abnahmen. Er kann von unterwegs nicht reagieren, denn er hat keine Pläne vorliegen oder die Zeitverschiebung macht es ihm nahezu unmöglich, mit den Mitarbeitern zu kommunizieren. Der Baubetrieb stagniert, bis der Boss wieder zurück ist. Hat er Zugriff auf eine digitale Bauakte und ist mit allen am Projekt beteiligten Akteuren mobil vernetzt, kann er schnell reagieren. Er sieht Baufortschritte, hat Zugriff auf Fotomaterial und kann entsprechende Schritte veranlassen. Im Übrigen nicht nur er, sondern auch seine Mitarbeiter. 

Im Handwerk geht es, wenn von ortsunabhängigem Arbeiten die Rede ist, nicht darum, dass Mitarbeiter mit dem Laptop auf den Knien am Strand sitzen oder ihre Arbeit von zu Hause erledigen. Dies ist in der Tat weitgehend auf administrative Bereichen beschränkt. Ortsunabhängiges Arbeiten im Handwerk heißt: digital vernetzt sein, das Smartphone und andere mobile Devices von überall nutzen zu können und jederzeit Zugriff auf relevante Daten zu haben. Mit Kollegen digital kommunizieren – in Chatrooms, via Messenger oder Online-Konferenzen –, mobil interagieren von der Baustelle zum Kunden, von der Werkstatt zum Lieferanten und vom Chef ins Büro: Das ist New Work im Handwerk!

Das neue „Wir“: Wie Handwerker von einem neuen Mindset profitieren können

Arbeiten ist heute zunehmend geprägt von einem starken Wirgefühl. New Work bedeutet Loslösung von der reinen Lohnarbeit. Was zunehmend zählt, ist der Sinn, der hinter der eigenen Arbeit steckt. Ein neues Mindset ist ausgerichtet auf Kollaboration und das Arbeiten in Teams. Coworking Spaces bieten Raum für Zusammenarbeit und die Möglichkeit zur Vernetzung – ohne die New Work nicht möglich erscheint.

Dort, wo ortsunabhängiges Arbeiten im Handwerk nicht möglich ist, gibt es dennoch viel Spielraum für neue Ansätze. Eine agilere Arbeitsweise mit mehr Mitbestimmung, Partizipation und flache Betriebsstrukturen sind für Mitarbeiter verlockender als eine Dienst-nach-Vorschrift-Mentalität, von der heute kaum noch einer etwas wissen will. Natürlich ist New Work keine Maßnahme, die man freitags beschließt und montags in eine neue Arbeitskultur mündet. Es braucht Zeit, sich mit dem Neuen auseinanderzusetzen. Mitarbeiter, die kein flexibles Arbeiten gewohnt sind, müssen erst lernen, damit umzugehen.

Die Realität des Handwerkers ist eine ganz andere als die eines Büroangestellten. Dennoch bietet auch das Handwerk Raum für die Überarbeitung der Arbeitskultur und die Reorganisation der Arbeitsprozesse. Eine wertschätzende Einstellung den Belangen der Belegschaft gegenüber ist kein großzügiges Give-away oder eine außergewöhnlich seltene Eigenschaft eines Chefs, sondern Grundbedingung für eine neue Arbeitswelt. Eine Hürde bei der Veränderung der Arbeitskultur ist oft die mangelnde Bereitschaft von Führungskräften, Hierarchien abzubauen. New Work bedeutet auch Vertrauen in die Mitarbeiter. Chefs und Führungskräfte sind gemeinsam mit ihren Mitarbeitern gefordert, Flexibilisierungspläne auszuklügeln und mit einem dezidierten New-Work-Management den Übertritt in ein neues Arbeitszeitalter zum Gelingen zu bringen. Der Wille zur Befähigung der Mitarbeiter geht vor allem von der Führungsetage aus. Dort, wo Teamwork, Arbeit auf Augenhöhe und Selbstorganisation gelebt wird, herrscht meist auch ein frisches, gesundes Arbeitsklima. 

Fazit

Bei New Work handelt es sich nicht um ein fest umrissenes Konzept. Geschweige denn eine Schablone, die man in jedem Unternehmen eins zu eins anlegen kann. New Work ist vielmehr eine Reorganisation der Arbeitswelt, in der ganz neue Spielregeln gelten. New Work ist nicht beschränkt auf die Flexibilisierung der Arbeitsorte oder -zeiten und auf hippes Bürointerieur, sondern es geht um ein neues Mindset in den Arbeits- und Kommunikationsprozessen. Nicht in allen Berufen und Gewerken lassen sich New-Work-Ansätze gleich gut und gleich schnell durchsetzen. Doch eines ist sicher: Gerade im Handwerk steckt viel Potenzial. Denn um das eigene Unternehmen für Mitarbeiter attraktiv zu machen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und die Kunden, die längst digital unterwegs sind, zu erreichen, müssen auch Handwerksbetriebe dringend über eine neue Arbeitskultur nachdenken. Auch wenn die Auftragsbücher noch so voll sind. Oder gerade dann!

Foto: © Friends Stock / stock.adobe.com

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